Wie du dir in 4 Wochen deinen Ruf als Trainerin ruinierst5 min Lesezeit

Moodle ist ein Software-Tool für Onlineunterricht. Ein perfektes Werkzeug, um endlich für immer alle Lernenden loszuwerden. Ich zeige, wie das geht, in einem einfachen 4-Wochen-Kurs.

Dieses 8-Punkte-Programm für 4 Wochen ist geeignet für alle gelangweilten Trainer/innen (und Lehrer/innen, Lehrgangsbegleiter, Moderierende, Wissensarbeiter/innen), die endlich kein Wissen mehr vermitteln möchten und möglichst lückenlos ihre Reputation auslöschen und ihre Kursteilnehmer/innen verlieren möchten. Mit dem 8-Punkte-Programm geht das ganz einfach! Soll nur niemand mehr auf die Idee kommen, einen Kurs bei uns zu buchen!

Wir haben das Learning Management System (LMS) Moodle, mit dem man Onlinekurse erstellen kann, in einer Gruppenarbeit für unseren ersten Kurs („Upside Down – Flipped Classroom“) ausprobiert. Aus unseren Learnings in der wütenden Arbeitsphase habe ich die besten Punkte zur Destruktion zusammengefasst:

1. Hast du eine Software gesehen, kennst du sie alle.

Moodle ist keine Raketenwissenschaft und wenn es wirklich weit verbreitet ist, kann es ja nicht so schwierig sein. Verschwende also nicht deine Zeit in tausendseitigen Online-Dokumentationen, es reicht völlig, wenn du am Tag vor Kursbeginn das System aufsetzt. Du hast ja noch etwas Besseres zu tun, etwa Anmeldungen löschen. Nimm die Standardversion: Konfigurationseinstellungen sind wie Fahrradständer der MA46 – sie sind zwar da, aber keiner verwendet sie.

2. Konzepte sind für jene, die agiles Projektmanagement nicht verstanden haben.

Konzepte und Pläne sind so passé! Super effizient ist agiles Projektmanagement, bei dem du dir das Feedback von den Kunden für dein Produkt holst. Das bedeutet: Setz den Kurs in einer halben Stunde auf und stell sicher, dass du ein Forum für Feedback inkludierst. Den Rest des Kurses lässt du die Teilnehmenden erarbeiten. Wenn sich jemand beklagt, drehe noch etwas am Wording: Schreibe „kooperativ“, „Peer-Feedback“ und „Selbstlernphase“, damit du weiterhin selbst nichts arbeiten musst. Voll hip!

3. Never change a winning method.

Vertraue auf altbewährte Methoden rund um den Frontalunterricht. Lernende sind schon sehr verwöhnt und gesättigt mit neuen Methoden, Flipped Classroom, Blended Learning und wie diese alle heißen. Ein anständiger Frontalunterricht, das alte Sanktionssystem, die Hausaufgaben ohne Bezug zum Unterricht, das Bloßstellen vor der Klasse – das alles sind Methoden, nach denen sich Lernende insgeheim sehnen. Streber müssen mit Siri, Alexa oder Cortana Platz tauschen.

4. Nur ausgesuchte Literatur anbieten.

Einschlägig reicht nicht, wer wirklich effizient sein will, muss auf die Macht der Zensur vertrauen und sich auf einseitige Literatur konzentrieren. Wer sich mit kontroversiellen Themen und unterschiedlichen Perspektiven auseinandersetzt, verliert unnötig Zeit und stimuliert langwierige Diskussionen. Wozu schlafende Lemminge wecken? Man sollte den Lernenden bereits eine destillierte, vorgekaute Form des Diskurses anbieten, um ihnen das Denken zu ersparen.

Und warum nicht die Literatur gleich selbst schreiben? Hier ein Auszug aus einem selbst gemachten Wörterbuch.

„schrenken“ – kollaborative Wortdefinition der Kolleg/innen von MAWM. Bild (c) Sabine Melnicki

5. Ein roter Faden ist etwas für Strick-Clubs.

Wenn schon die Literatur sorgfältig anspruchslos ausgesucht ist, so bleibt noch Spielraum in der Gesamtstruktur: Ein Überblick nimmt Platz weg, Erklärungen werden nicht gelesen, sind also überflüssig. Weniger Info ist ja bekanntlich mehr! eTivities werden am besten alphabetisch geordnet: aTivity, bTivitiy, cTivity usw. Unterschiedliche Schreibstile lockern den Kurs auf. Bitte keine Hyperlinks! Die stören das Gesamtbild.

6. Videos kompostieren, bitte.

Mit Ausnahme von amerikanischen Tasty Rezepten und dem Miniaturkochen sind Videos nicht auszuhalten. Schade, dass es Vine nicht mehr gibt! Tendenziell sinnfreie Loops von hüpfenden Bananen mit Trashmusik waren noch halbwegs konsumierbar. Ansonsten sind Videos eine Plage! Sie sind überall, fressen unsere Bandbreite und naschen an der CPU.

Solltest du wirklich einmal nicht darum herumkommen, sie zu verwenden, so versuche Folgendes: Verschleiere die Herkunft des Videos, stelle einen Downloadlink bereit (26 GB), anstatt es einzubinden und deaktiviere alle Steuerungselemente. Verwende ein völlig falsches Video, um herauszufinden, ob es auch wirklich jemand ansieht. Ob das Video dabei zum Kursinhalt passt, spielt keine Rolle, es ist ja nur ein Medium der Zerstreuung und Dekoration. Wenn du ein Video nimmst, streiche alle anderen Aktivitäten aus dem Kurs.

7. Nur wer sich rar macht, bleibt interessant.

Nicht genug, dass die Lernenden unseren Kurs verwenden, dann wollen sie oft auch noch direkten Kontakt und haben Fragen. Wir sollen Feedback zu ihren Einreichungen geben? So weit kommt’s noch. Nur nicht darauf einlassen, das ist eine Falle, ein gefinkelter Test! Fällt eine Lehrperson darauf herein, hat sie jeglichen Hebel bei den Lernenden verwirkt. Verbarrikarier dich hinter deiner Firewall, zieh den Stecker aus Skype, verriegel den Login. Leite E-Mails an den Papierkorb weiter und verwende einen Autoresponder: „Ich bin bis 2025 auf Urlaub.“ Tu alles dafür, nicht erreichbar zu sein, dadurch machst du dich interessant wie ein Teenie-Star. Und darum geht es doch in MOOCs, aus der Masse hervorzustechen!

Geh nach Hause und warte dort in Stille. Passierst du dabei den Start, kassiere 100 Bitcoins.

 

Vermisst du Nummer 8? Nun, das ist der letzte Tipp: Halte nicht, was du versprichst. So bist du nämlich berechenbar.

*** Bitte aus der Ironie dieses Artikels die Liebe für das Fach, die Freude am Kurs und den großen Respekt für die Arbeit der Lektor/innen und Kolleg/innen herauslesen. Wem das nicht gleich gelingen mag, der möge sich bitte mit mir schon vor dem Grämen in Verbindung setzen.***

Bildquelle: Unsplash, JJ Thompson. CC0.

 

Weiterlesen:

SaveSave

SaveSave

4 thoughts on “Wie du dir in 4 Wochen deinen Ruf als Trainerin ruinierst5 min Lesezeit

  1. Hey Sabine!

    Hochachtung für den tollen Beitrag! Bist mein Vorbild!
    Danke für die „Kurzweiligkeit“! Du hast es auf den Punkt gebracht!
    Apropos Wissensmanagement und Storytelling: Dinge, die man auf diese ironische Art vermittelt bekommt, merkt man sich möglicherweise sogar leichter!

    1. Danke, Maex, das ehrt mich sehr! Und da pflichte ich dir völlig bei: Je mehr Perspektiven man sich traut, einzunehmen, desto weiter nach hinten kommt man im Oberstüberl!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.