Weniger ist mehr als alles: Informationsarchitektur der Büchereien Wien6 min Lesezeit

Dieser Blogeintrag ist eine Gruppenarbeit von Carina Egger, Herbert Jenecek, Sabine Melnicki, Marcela Heredia Torres und Chung-I Wu.

In der Lehrveranstaltung „Wissensorganisation“ setzen wir uns in Form einer Gruppenarbeit mit spannenden Methoden rund um die Informationsarchitektur von Websites auseinander. Den Praxisbezug stellen wir her mit einem konkreten Beispiel: Wir haben die Website der Büchereien Wien unter buechereien.wien.at genauer unter die Lupe genommen und im Zuge einer Umfeldanalyse aus drei Gesichtspunkten analysiert: Kontext, Inhalt und Benutzer.

Dabei lernen wir verschiedene Methoden und Werkzeuge kennen, womit wir verschiedene Ergebnisse erzielen – wir klopfen die Informationsarchitektur von verschiedenen Seiten ab. Die wichtigsten Erkenntnisse werden in diesem Beitrag dokumentiert.

Kontext

Um in einem ersten Schritt einen guten Überblick über den Kontext der Website zu erhalten, wurde eine Hintergrundrecherche durchgeführt. Dabei haben wir verschiedene, bedeutende Fragen beantwortet, um einen Ist-Zustand der Seite zu erhalten, darunter: Was sind die kurz- und langfristigen Ziele? Wie sieht das Budget und der Zeitplan aus? Welche Aufgaben sollen die Benutzer/innen auf der Website durchführen können? Wie sieht die technische Infrastruktur aus? Anhand der Beantwortung dieser Fragen sollen wichtige Infos gewonnen werden, die dabei helfen, den analysierten Ist-Zustand in einen gewünschten Soll-Zustand zu konvertieren. Wir möchten dies anhand ein paar kurzer Beispiele demonstrieren:

Die Website dient in erster Linie dazu, bedeutende Infos zu den Büchereien Wien, wie etwa über Medien allgemein, Entlehnung, Ergebnisse zur Literatursuche, Öffnungszeiten, Standorte, etc., für die Besucher der Seite schnell und übersichtlich zur Verfügung zu stellen. Dabei fällt sofort auf, dass sämtliche Infos und verschiedene Themen auf der Startseite aufgelistet werden. Um davon einen besseren Eindruck zu erhalten, hier der Screenshot:

Screenshot eines Ausschnitts der Startseite der Website der Büchereien Wien (Carina Egger)

Die Aufteilung der Startseite hat einen positiven Effekt: Es ist wahrscheinlich, dass man mit einem einzelnen Klick zur gewünschten Information gelangen kann. Andererseits ist das Design augrund der hohen Dichte an Themen sehr unübersichtlich, woraus eine niedrige Usability resultiert.

Die Schriftgröße ist sehr klein. Man kann diese zwar vergrößern (wie man gleichermaßen das Farbschema der Seite ändern kann), jedoch passt die Schriftgröße nicht mehr zum Design der Zeit und könnte so für manche Benutzer/innen abschreckend wirken. Wir würden somit eine klare Struktur mit den wichtigsten Punkten und Unterpunkten, gepaart mit einer größeren Schrift empfehlen.

Weniger ist mehr als alles

Ein frappante Übereinstimmung zeigte sich in der Arbeit mit der Startseite der Website: Alle beteiligten Nutzer/innen waren einhellig der Meinung, dass die Startseite nicht positiv informativ sei, sondern eher negativ überladen, unübersichtlich und unmotivierend.

  • Erster Blick: Uff, soviel Information.
  • Zweiter Blick: Aber alles ist praktisch von der Startseite aus zu erreichen.
  • Dritter Blick: Uff, ich kann mich gar nicht entscheiden.

Erstbesucher/innen der Website, die nicht (nur) auf der Suche nach einer bestimmten Information sind, erschwert die textlastige Startseite den Einstieg. Es ist hier schlicht hinderlich, soviele Informationen gleichzeitig präsentiert zu bekommen. Aufgrund der fehlenden Gewichtung der Inhalte muss die Userin selbst entscheiden, was wichtig ist und was nicht.

In einer idealeren Umgebung gibt die Website bereits Empfehlungen ab, was die User/innen interessieren könnte: Auf Basis von Besuchsanalysen und Reporting können oft genutze und versteckte Funktionen hervorgehoben werden. Die Startseite übernimmt somit nicht die Funktion, alle Inhalte aufzulisten (das wäre Funktion einer Sitemap oder Submenüs), sondern gewichtet stattdessen die Inhalte vor und bewirbt die wichtigsten Informationen prominent und optisch ansprechend. Wie es in einem zu großen Supermarkt schwierig ist, Entscheidungen zu treffen, so ist es auch auf einer überladenen Website schwierig, seinen Weg zu den Informationen zu entscheiden. Die Empfehlungen helfen den User/innen auf den ersten Schritten durch die Website. Diese „innere Werbefunktion“ ist wichtigerer Motivationsfaktor als das Gefühl des Überblicks. Die Erwartungen der User/innen dahingehend – mehr gelockt als beruhigt zu werden – war einstimmig.

Technikfolgeabschätzung

Eine weitere Methode zur Kontextanalyse ist die Technikfolgeabschätzung. Sie dient dazu, die Seite aus einer technischen Perspektive zu betrachten: Welche Technologien stehen zur Verfügung und werden aktuell eingesetzt? Welche Einschränkungen gibt es aufgrund der technischen Infrastruktur?

Inhalt

Um ein besseres Bild des dargestellten Inhalts zu erhalten, wurde eine Heuristische Analyse durchgeführt: Hier haben wir uns an den 10 Usability-Heuristiken von Jacob Nielsen orientiert, die beispielsweise für Flexibilität und Einfachheit der Benutzung oder Konsistenz und Standards stehen. Mittels dieser Paradigmen kann man folglich leicht feststellen, ob die Website bestimmte Kriterien erfüllt, was ein gewisses Maß an Qualität gewährleistet.

Eine weitere wertvolle Methode zur Inhaltsanalyse ist Benchmarking. Dabei wird für die Seite ein Vergleichsmaßstab festgelegt, der Effizienz- und/oder Effektivitätskriterien untersucht und vergleicht. Aus diesen Ergebnissen soll eine Grundlage für ein Best-Practice-Modell entstehen, das als Orientierung für die weitere Umsetzung des zu optimierenden Projektes dient. Im Zuge unserer Analyse wurden verschiedene Websites von Stadtbibliotheken verglichen. Als Vergleichsmaßstab gelten unterschiedliche Kriterien: der allgemeine Ersteindruck/Überblick, einfache Navigationsmöglichkeiten, Übersichtlichkeit von Informationen z.B. im Seitenmenü oder durch Pop-up-Menüs, einfache Suche nach Büchern, Zeitschriften, DVDs und das angebotenen Kundenservice.

Durch eine klare Festlegung des Vergleichsmaßstabs ist eine sehr genaue Analyse der Kriterien möglich. Dadurch lassen sich schnell Verbesserungsmöglichkeiten feststellen. In unserem Fall hat sich folgender Optimierungsbedarf ergeben:

  1. Übersichtlichkeit der Seite
  2. Einschreibung/Ausweis und Gebührenübersicht
  3. Suchfeld um Bücher/Zeitschriften und DVDs zu finden ist sinnvoll.

Benutzer

In einem dritten und letzten Schritt wurde die Website der Büchereien Wien aus Benutzersicht analysiert. Hierfür haben wir typische Personas und Use Cases generiert, die die Seite üblicherweise besuchen und bestimmte Aufgaben ausführen. Als klassische Personas ergeben sich dabei etwa eine 39–jährige berufstätige Mutter, ein Pensionist, ein junger Student und ein 28-jähriger Arbeitssuchender. Zur Ausformulierung der Personas werden stereotype Lebensläufe entwickelt, in denen die Vorlieben und Lebensweisen der einzelnen Personen beschrieben werden. Über die Probleme und Bedürfnisse der Person kommt man auf die Chancen für die Website, die Bedürfnisse der Personen zu befriedigen.

Fazit

Um eine Verbesserung einer Website hinsichtlich bestmöglicher Qualität gewährleisten zu können, ist es durchaus ratsam, verschiedene Analysemethoden und Tools auszuprobieren. So kann man die Seite auf Herz und Nieren durchleuchten: Sie wird auf verschiedenen Ebenen und von unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Bevor man konkrete Inhalte online stellt, ist es sinnvoll, sich vorab eine grobe Struktur der Seite zu überlegen. Wireframes stellen hierfür eine hilfreiche Möglichkeit dar. Je nach Nutzen, Vision der Website und bisherigem Stand kann man auch bestimmte Tools/Methoden bevorzugen: Wenn die technische Infrastruktur ausreichend ist und viele Möglichkeiten bietet, sollte man sich auf eine optimale Darstellung des Inhalts konzentrieren. Falls die technischen Möglichkeiten jedoch begrenzt sind, ist es wichtig, eine Technikfolgeabschätzung durchzuführen.

 

Diesmal erst zum Abchluss noch der Screencast:

Foto Credits Startbild: © Gerald Zugmann / www.zugmann.com, abgerufen von Pressematerial 10 Jahre Hauptbücherei

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