Lorem Ipsum – und was Sie dagegen tun können5 min Lesezeit

Die Website muss schon neu designt werden, aber die Texte sind noch nicht fertig? Was tun? Greifen Sie zur besseren Lösung als Lorem Ipsum: dem Prototext.

Beim Designen Ihrer neuen Website arbeiten Sie idealerweise möglichst schnell mit echtem Content, hier vor allem: mit echtem Text. Noch besser, wenn Sie die neue Website schon um Ihren Text rundherum bauen. Aber nicht immer klappt das, manchmal dauert es noch mit dem Texten oder dem Übersetzen und so setzt man Platzhalter-Texte ein. Dafür hat sich „Lorem Ipsum“ eingebürgert, ein sinnfreier Blindtext, an Latein angelehnt. Wir sagen Ihnen, was daran nicht optimal ist und was Sie besser verwenden können.

Blindtext ist nicht optimal

Blindtext ist praktisch, aber nicht optimal. Was Blindtext zwar gut kann, ist so zu tun, als sei er Text: Mit Abständen, Zeilenschaltungen, Absätzen, Satzzeichen. Blindtext kann so aussehen wie eine bestimmte Sprache, etwa hat Deutsch mehr Großbuchstaben als Englisch und Französisch mehr Sonderzeichen als Deutsch.

Für Blindtext gibt es mittlerweile viele verschiedene Generatoren, etwa Hipster Ipsum oder Bacon Ipsum, an denen man gut ablesen kann, wie ernst sich Blindtext selbst nimmt.

Was kommt zuerst: Design oder Inhalt? Diese Frage ist nicht vollständig zu beantworten, sicher ist aber, dass es auf einer Website darum geht, eine bestimmte Botschaft zu vermitteln, eine Nachricht zu übermitteln oder eine Stimmung zu generieren. Das gelingt am besten, wenn Inhalt und Design miteinander in Einklang stehen. Gute Designer*innen verstehen und orientieren sich am Inhalt, um ihr Design darauf aufzubauen. Je enger diese Verschränkung, desto dichter wird die Botschaft insgesamt sein. Design und Inhalt kommunizieren dann gemeinsam.

Design und Inhalt kommunizieren dann gemeinsam.

Lorem Ipsum täuscht. Ihre echten Texte haben vermutlich erst einmal längere Absätze, monströs lange Bindestrichwörter, die zu lang sind für Überschriften, und Fachbegriffe, die an den Bildrändern hinaushängen. Ganz normal! Abkürzungen wollen einmal wo erklärt werden und interne und externe Links sind in den Lorem Ipsum gar nicht erst eingetragen. Auch speziellen Formatierungen und Textformaten kommt man mit Lorem Ipsum nicht auf die Spur.

Lorem Ipsum macht mehr Arbeit. Design ohne Content muss Annahmen treffen für Inhalte, die es vielleicht nie geben wird und ev. später Platz schaffen für Inhalte, die doch auch noch wichtig sind. Es kann später arbeitsaufwändig sein, das Design an den finalen Content anzupassen: Dort zerschießt zu langer Text die Boxen, hier und da muss nachjustiert werden.

Geht man den anderen Weg und versucht den Text in das Design einzupassen – auch das ist nicht leichter. Sind Texter*innen gezwungen zeichengenau zu arbeiten, können Treffsicherheit, Markenstimme und Kreativität leiden. Was gesagt werden muss, soll Platz haben, Design-Einschränkungen sparen hier am falschen Platz. Von dieser Position aus müsste man immer sagen: Inhalt vor der Form.

Besucher*innen der Website möchten einfach wissen: Wo bin ich hier, was finde ich hier? Gibt es hier, was ich suche, ist es das Richtige für mich? Diese Antworten sollen Design und Inhalt unterstützen, von Anfang an. Platzhaltertext ist aber völlig inhaltslos ohne Bezug zum Kontext oder zum Unternehmen und der Marke. Für das Beantworten von Fragen also völlig ungeeignet.

Was nun aber eignet sich besser als Blindtext?

Die Lösung: Prototext statt Blindtext

Proto–, von griech. prõtos steht für „erster, vorderster, wichtigster, Ur–“ (Wahrig). Genau wie ein Prototyp ein erstes funktionstüchtiges, wenngleich nicht im Detail ausgefeiltes Produkt darstellt, ist der Prototext der erste lebendige funktionierende Text. Das funktioniert auf der Website, im Flyer und im Jahresbericht gleichermaßen. Was kann nun statt Lorem Ipsum als Prototext herhalten?

Eigener, alter Content, aktueller Content. Alte Texte, die in die Überarbeitung gehen und niemand mehr lesen will, sind noch enger an der Realität als Blindtext, hier kommen wichtige Fachbegriffe und gebrandetes Wording ja bereits vor. Um diese Inhalte davor zu schützen, in der finalen Version wieder auf der Seite zu landen – und auch um Ermüdungserscheinungen durch alten Text vorzubeugen –, schlage ich ein bisschen Verfremdung vor, durch das Verschieben von Textteilen und das Einstreuen von offensichtlichen Einzelwörtern. So lässt sich der Text dahingehend anpassen, dass er brauchbar bleibt, aber nicht mehr mit dem alten Text verwechselt wird.

Texte der Konkurrenz. In Testsituationen ist das völlig in Ordnung, wenn es genaue Prozesse gibt, den Text vor dem Launch auch wirklich auszutauschen. Texte von der Konkurrenz werden genommen und leicht für eigene Zwecke verfremdet. Das ersetzt natürlich kein Generieren von gänzlich neuen Texten, sondern ist nur die Alternative für Blindtext, wir erinnern uns. Zu reflektieren, was die Konkurrenz alles schon richtig gemacht hat und was das für die eigene Website bedeuten kann, kann ein guter Nebeneffekt sein.

Entwurfstexte der Texter*innen. Es wird dauern, bis die finalen Texte nach Revisionen, Feedbacks und Freigabeschleifen auf Ihrem Schreibtisch landen. Angelt man sich zuvor schon erste Entwurfstexte, kann man damit aber auch schon wunderbar hantieren.

Wichtig in der Arbeit mit Prototext:

  • In der Kommunikation mit Kund*innen sollte, um Missverständnissen vorzubeugen, in Entwurfspräsentationen in jeder Version klar ersichtlich sein, in welchem Status sich der Text befindet, ob es sich um Blindtext, Prototext oder finalen Text handelt.
  • Um nicht mit Prototext live zu gehen, braucht es einen klaren Prozess für das Austauschen des Inhalts. Landet Prototext auf der Liveseite, ist das wahrscheinlich weniger peinlich als bei Blindtext, sollte aber trotzdem genauso gewissenhaft verhindert werden. Ein Kodieren des Prototexts durch verfremdende Stichwörter beim Eintragen (z. B. „meeresblau“ innerhalb aller ersten beiden Zeilen) können die Suche siteübergreifend erleichtern.
  • Prototext hat recht motivierenden Effekt für das gesamte Team: Mit echten Inhalten zu arbeiten, fühlt sich echter an. Dem einen hilft es beim bildlichen Vorstellen, die andere wird angespornt, den unfertigen Text sorgfältig durch bessere Inhalte zu ersetzen. Jeder Inhalt ist inspirierender als Blindtext!

Gilt das auch für Webshops?

Ja, arbeiten Sie auch dort mit realen Produkten und Texten. Und nicht nur mit einem: Erst in der Wiederholung zeigt sich, was generalisierbar wird und was spezifisch bleibt. Haben Sie drei Produkte, sehen Sie sehr genau, was immer gleich bleibt und wo es Unterschiede gibt. Das scheint offensichtlich, hilft aber enorm beim Designen von Datenstrukturen – und fällt weg, wenn Sie nur mit einem einzelnen duplizierten „Test-Inhalt“ arbeiten.

Blindtext ist für uns also ungefähr so hilfreich wie Luftpolsterfolie: Klingt ganz nett, füllt den Platz auf, vertreibt die Zeit, aber ist farblos. Tauschen Sie ihn aus durch Prototext-Regenbogen-Prototext.

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